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Der Blick der Putzfrau

Sie kennt uns besser, als uns lieb ist

 

Wie man ein Land erlebt, wenn man Badezimmer putzt: In «Clean City» zeigen Migrantinnen am Zürcher Theaterspektakel, was es heisst, in Griechenland sauber zu machen. Was heisst es in der Schweiz?

 

«Natürlich sehen meine Kolleginnen und ich viel Privates von den Leuten, manchmal auch Abgründiges. Ein dreckiges Badezimmer ist noch das Wenigste. Ich denke auch nicht schlecht über diese Leute. Die meisten von ihnen freuen sich, wenn es blitzblank strahlt, nachdem ich geputzt habe. Manche getrauen sich dann fast nicht mehr, das Lavabo zu benutzen. Wenn die Leute aber vergessen, die Toilettenspülung zu betätigen, bevor ich komme, oder ihre alten, schmuddeligen WC-Bürsten bewusst behalten, finde ich das respektlos.»

 

Die das erzählt, hat täglich Einblick in private Haushalte. Die Putzfrau Clarice Evans bekommt ein ungeschöntes Bild unserer Gesellschaft. Ein Bild, das sie dann wieder aufpoliert. Ihr überlassen die Leute die persönlichsten Bereiche ihres Lebens. Ihr zeigen sie sich von einer Seite, die sonst buchstäblich unter den Teppich gekehrt wird. Putzen ist mehr als Reinigen. Eine Wohnung sagt viel aus über ihre Bewohner. Badezimmer, Schlafzimmer und Küche sagen viel aus über die Menschen, die sie benützen. Wie man zu Schmutz und Abfall steht, welche Vorstellungen man von Sauberkeit hat, was man von sich preisgibt und wie viel man einer Putzfrau zumutet, verrät einiges über Mentalität und Charakter. Dass das auch ein Thema für Literatur und Theater ist, liegt auf der Hand: Am Zürcher Theaterspektakel widmen sich die griechischen Theatermacher Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris dem Blick, den Putzfrauen auf ein Land haben. In der Performance «Clean City» stellen sie fünf Migrantinnen vor, die in griechischen Mittelstandshaushalten putzen.

 

Kontrollfreaks und Neurotiker

Und wer macht in der Schweiz diese Arbeit? Clarice Evans zum Beispiel. Sie sitzt in der blitzsauberen Küche der Putzfrauenagentur, bei der sie angestellt ist. Rasch wird spürbar, wie gewieft die 56-Jährige im Umgang mit Menschen ist. Das Putzen von Wohnungen ist zwar der offizielle Teil ihrer Arbeit. Wichtig sei aber auch, mit den Kunden zu reden, sagt Evans: «Als Reinigungskraft bist du Allrounderin. Es gibt Situationen, wo du jemanden trösten musst, manchmal spielst du den Psychologen oder Arzt.»

 

Vor 25 Jahren kam die Jamaicanerin nach Zürich. Ihr damaliger Partner, ein Schweizer, den sie bei seinen Ferien auf der Karibikinsel kennengelernt hatte, lud sie ein, zu schauen, ob es ihr hier gefalle. Das tat sie. Clarice Evans, inzwischen Mutter von vier erwachsenen Kindern, ist geblieben. Seit 8 Jahren arbeitet sie als Putzfrau, jeden Tag macht sie bei zwei Kunden in Zürich sauber.

 

Die Schweizer zu charakterisieren, insbesondere im Unterschied zu ihren früheren Landsleuten, fällt ihr nicht schwer: «Sie sind sehr tolerant. Es ist ihnen wichtig, alles zu besprechen. Sie schätzen Ehrlichkeit und Pünktlichkeit, und sie wissen es zu würdigen, wenn sich jemand daran hält. Ausserdem sind sie ordentlich. Schmutzige Wäsche lassen sie nicht herumliegen, sondern deponieren sie im Wäschekorb im Badezimmer. Ihre Haustiere haben eigens für sie reservierte Ecken.» Das sind Dinge, die Evans aus Jamaica nicht kannte. Darüber hinaus sei dem Schweizer seine Privatsphäre heilig. «Die muss man respektieren, da reagiert er sensibel.» Zudem könne er geizig sein. «Ich habe Kunden erlebt, die nie einen Kaffee offerieren würden oder böse werden, wenn man während des Putzens ein Schöggeli aus einer Schale nimmt. Zählen sie nach?» Solches Verhalten ist ihr absolut schleierhaft. Und genauso wenig leuchtet es ihr ein, wenn Leute, die in grossen Appartements mit Sauna, Dampfbad und Whirlpool wohnen, ihre Putzfrauen für nur zwei Stunden anstellen. «Da können wir einfach nicht alles reinigen.» Besser verstehen kann sie die, deren «Van Gogh» man nicht anfassen darf.

 

Sowieso: Seien es Wohlhabende oder Mittelständische, ihr gegenüber würden sich alle gleich verhalten, sagt sie. «Diskriminierung oder Rassismus habe ich nie erlebt von Schweizern, dann schon eher von Personen, die selber Einwanderer sind», sagt Evans.

 

Typisch für die Schweiz sei auch das Abstauben. Einmal im Monat werde das gewünscht. «Bei gewissen Leuten gibt es aber Möbelstücke mit staubbedeckten Fotos und Souvenirs darauf, die man nicht berühren darf. Da muss ich mich beherrschen.» Gerne würde sie solchen Kunden Ratschläge erteilen, doch man müsse immer abwägen, ob jemand das dulde. Wenn sie eine riesige Pflanze auf einem zu kleinen Tisch sehe, könne sie es sich nicht verkneifen, zu sagen, das sei keine gute Idee. Studentische WG und Junggesellen schätzten solche Inputs.

 

Doch viele, die eine Putzfrau beschäftigen, wollen trotzdem unbedingte Kontrolle über die Privatsphäre. Die Putzfrau bewegt sich im Spannungsfeld von Vorlieben und Neurosen. Manche Kunden würden fast wahnsinnig, wenn sie glaubten, ihre Sachen nicht mehr zu finden. «Wehe, wenn ich die Lebensmittel nach dem Kühlschrank-Putzen nicht genau dort hinstelle, wo sie vorher waren!» Noch Heiklere beschwerten sich, wenn sie die Stühle nicht wie gewohnt an den Tisch herangeschoben habe. Viele prüften, ob alles am richtigen Ort sei.

 

Einmal hiess es, sie solle vor den Ferien die ganze Wohnung aufräumen und sauber machen. Als die Kunden das Resultat sahen, bemängelten sie, es sei zu ordentlich. «Die Leute denken wohl, ich hätte ihre Gegenstände zu lange angeschaut. Dabei fehlt mir die Zeit dafür.»

 

Waffe unter dem Bett

Am unangenehmsten sei Schamlosigkeit, sagt Clarice Evans. Manche Kunden lassen gebrauchte Kondome oder Binden herumliegen. Bei gewissen finde man sogar Sexspielzeug im Bett. Einmal entdeckte sie beim Saugen unter einem Bett eine Waffe. Da schrieb sie auf einen Zettel: «Bitte ordentlich versorgen.» Ja, die Schweizer Mentalität habe auf sie abgefärbt, sagt sie schmunzelnd. Auch «Tests» habe sie erlebt: Kunden placierten ihre Bankkarte mit PIN offensichtlich nebeneinander auf einem Tisch. «Ich putze dann einfach brav darum herum.»

 

Es gebe auch sehr Rücksichtsvolle, die ihr den persönlichen Abfall nicht zumuten wollten. «Sie tragen den Müll selber hinaus.» Manche seien aber auch aus anderen Gründen dagegen, dass sie den Züri-Sack eigenhändig in den Kehricht werfe. «Sie regen sich auf, wenn ein Abfallsack nicht bis an den Rand gefüllt ist.» Und klar, es gebe Spezialfälle. Kunden, die kein scharfes Putzmittel wollten oder nicht erlaubten, dass Abfall entsorgt werde, obwohl sich darauf Scharen von Fruchtfliegen angesammelt hätten.

 

Auch Eheprobleme bleiben einer Putzfrau nicht verborgen. Clarice Evans fällt auf, dass Paare, vor allem binationale, häufig eine Putzfrau anstellten, um Konflikten auszuweichen. «Ihre Vorstellungen von Sauberkeit sind unterschiedlich. Um Streit zu vermeiden, delegieren sie diese Aufgabe.» Schliesslich beobachtet Evans, dass Schweizer eifersüchtig werden können wegen Haustieren: «Wenn ich putze, ist der Wohnungsinhaber meist nicht im Haus, sondern am Arbeiten. Die Hunde oder Katzen aber sind daheim. Und klar schmuse ich zur Begrüssung mit den Tieren. Nur, wenn dann der Kunde einmal daheim ist und registriert, dass der Hund besser auf mich hört als auf ihn, kann das böse enden. Eine Frau hat mich deshalb sogar entlassen.»

 

 Journalistin: Katja Baigger

 

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